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Menü Kurzgeschichten
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Die kleine
Schildkröte Tilda
O Die blaue
Glasscherbe
O Der
Zauberbaum
O
Die
Blumenwiese
O Die
Sonnenblume
O Das
Gewitter
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  O Das
Kartoffelfeuer
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Der Zauberbaum!
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Heute bekam Tilda Besuch von ihrer Freundin Elise.
Die Schildkröte Elise wohnte am Flussufer gegenüber.
Oft konnten sie sich nicht sehen, denn Elise hatte immer einiges zu tun. Sie hatte eine sehr schöne Stimme, deshalb sang sie in einem Schildkröten-Kinderchor.
Doch heute hatte sie Zeit und sie trafen sich am Flussufer. Tilda holte ihre Freundin an einer ganz bestimmten Stelle am Fluss ab. Elise war auch eine gute Schwimmerin. Sie schwamm quer durch den ganzen Fluss, um Tilda zu besuchen. Vom Wasser aus, winkte sie ihrer Freundin schon zu.
Es war eine herzliche Begrüßung, und sie freuten sich über den schönen Tag und auf das, was sie sich vorgenommen hatten. Es gab einen besonderen Grund warum sich die beiden Schildkrötenkinder trafen.
Elise ruhte sich kurz aus, dann bereiteten sie sich auf ihren Start vor. Etwas strecken und dehnen, tief ein- und ausatmen, damit ihre Lungen ordentlich mit Sauerstoff versorgt waren. Die kleinen Schildkröten machten nämlich jedesmal, wenn sie sich trafen, ein Wettrennen.
Noch einmal schnaufen und pusten und dann krochen sie los, so schnell sie konnten, denn sie hatten auch ein bestimmtes Ziel. Am Fluss entlang, an den schönen Wiesen vorbei, in den Wald hinein. Dort stand ihr Baum. Es war ein ganz besonderer Baum. Sie nannten ihn Zauberbaum.
Das war ihr Ziel, um ihre Schnelligkeit zu testen. Auf dieses Ziel freuten sie sich ganz besonders. Sie krochen sehr schnell, immer schneller und schneller wurden sie. Sie atmeten ein und pusteten aus. Immer schneller und immer schneller.
Sie wunderten sich selbst wie schnell sie jedesmal waren. Es war ja nicht einfach mit dem Panzer auf dem Rücken. Oder den Kopf gleichmäßig hoch zu halten. Die kurzen fleischigen Arme und Beine bewegten sich so flink, dass es ganz leicht aussah. Mit dieser Leichtigkeit schafften die beiden Schildkrötenkinder diesen langen Weg ohne Pause. Bis zu ihrem Zauberbaum.
Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Beide kamen gleichzeitig an. Ihre ganze Kraft hatten sie in das Rennen gesteckt, so wie sie es immer taten. Müde aber glücklich standen sie nun unter ihrem Zauberbaum.
Die dicken Wurzeln hatten sich auf dem weichen Waldboden ausgebreitet. Dichtes Moos hatte sich wie Teppich über die Wurzeln gelegt. Alles war fest miteinander verwachsen. Dort legten sie sich hin, es war wunderschön weich und es roch so gut, dass sie ihre kleinen Stupsnasen immer wieder in den weichen Waldboden steckten. Jetzt hatten sie genug Zeit sich auszuruhen. Sie erzählten sich Neuigkeiten und freuten sich, dass sie zusammen sein konnten. Nach kurzer Zeit wurden sie müde und ohne dass sie es wollten schliefen sie ein. Die Sonnenstrahlen, die durch die Äste, Zweige und Blätter auf ihre kleinen Köpfe fielen, hatten sie geweckt. Wie lange hatten sie wohl geschlafen. Ihr Zauberbaum war durchzogen mit Sonnenstrahlen. Es funkelte an jedem Blatt Und der leise Wind brachte die Blätter zum tanzen. Sie tanzten zu einer kleinen Melodie die Tilda und Elise jedesmal hörten wenn sie alleine hier im Wald waren. Beide lauschten und beobachteten die Sonnenstrahlen wie sie mit den Blättern spielten.
Dann sahen die beiden Schildkrötenkinder sie wieder.
Ihre glitzernde Blätterstadt und die kleine Fee, mit dem glitzernden Blätterkleid. Gespannt hatten sie schon darauf gewartet. In der Blätterstadt war viel Trubel und Bewegung. Die kleine Fee tanzte mit dem Wind zu der Melodie, die sie ganz zart hörten. Es war jedesmal ein kleines Schauspiel. Am Liebsten wären Tilda und Elise hinauf geklettert, oder hätten gerufen: „He, kleine Fee!“, aber sie blieben ganz leise und lauschten um niemanden zu stören.
Es war sonst niemand im Wald und so konnten sie ganz fasziniert das Zauberspiel in ihrem Baum genießen und beobachten. Sie vergaßen die Zeit und sahen nur ihre glitzernde Stadt und die tanzende Fee. Irgendwann zogen sich die Sonnenstrahlen und der leise Wind zurück. Die kleine Fee hörte auf zu tanzen. Ohne sich zu verabschieden war sie plötzlich verschwunden. In der Blätterstadt bewegte sich nichts mehr und der Zauberbaum schien zu schlafen. Sie sahen noch eine ganze Weile hinauf, doch ihr Baum schlief.
Das war das Zeichen für die beiden Schildkrötenkinder, sich von ihrem Zauberbaum zu verabschieden.
Tilda begleitete ihre Freundin Elise wieder bis zu der Stelle, wo Elise den Fluß am Besten durchschwimmen konnte.
Aber auf dem Rückweg machten sie kein Wettrennen mehr. Sie krochen ruhig nebeneinander her, denn sie hatten sich noch Einiges zu erzählen. Zum Abschied sang Elise für Tilda die neuesten Schildkrötenlieder.
 
© Mathilde Kilian 1995
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