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Menü Kurzgeschichten
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Die kleine
Schildkröte Tilda
O Die blaue
Glasscherbe
O Der
Zauberbaum
O
Die
Blumenwiese
O Die
Sonnenblume
O Das
Gewitter
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  O Das
Kartoffelfeuer
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Die Sonnenblumen!
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Wieder war es einer dieser schönen Tage, wo die kleine Schildkröte Tilda dachte, die Welt dürfte nur aus solch schönen Tagen bestehen. Doch sie wusste genau, dass es nicht so sein kann, also genoss sie diesen Tag ganz besonders.
Bei ihrem letzten Ausflug war ihr aufgefallen, daß die Sonnenblumenfelder schon ein klein wenig gelb leuchteten. Nun war sie neugierig und wollte sehen, ob sich die Blüten schon voll zur Sonne streckten. Tilda freute sich jedes Jahr ganz besonders auf die vielen Sonnenblumen. So machte sie sich auf den Weg zum Sonnenblumenfeld.
Es war ein weiter Weg. Immer wieder legte sie eine Pause ein und schaute sich um. Denn es gab für Tilda immer etwas Neues zu bestaunen oder zu beschnuppern. Sie roch gerne an Blüten, Gräsern oder Pflanzen, die sie noch nicht kannte. Der Duft von Blüten und Gräsern war jedesmal etwas Besonderes. Die Luft riecht auch schon etwas nach Herbst, lange wird es nicht mehr dauern und der schöne Sommer ist vorbei dachte Tilda.
Um so mehr freute Tilda sich über die Sonnenstrahlen.
Endlich war sie da, es war wundervoll. Die Sonnenblumen strahlten und lachten Tilda an. Sie wiegten ihre Köpfe leicht hin und her, es war wie eine Begrüßung. Sie suchte sich ein schattiges Plätzchen, dort legte sie sich hin und betrachtete die Sonnenblumen mit klopfendem Herzen. Immer wieder schaute sie in die vielen hübschen Blütengesichter. Die Gesichter wurden immer deutlicher je länger Tilda sie betrachtete. So schön zu sein wie eine Sonnenblume, dass wünschte sie sich. Ach, sie wollte ja so viel.
Sie wollte fliegen können wie ihre Freundin die Schwalbe Katharina. Katharina hatte ihr auch jedesmal viel zu erzählen, wenn sie von ihren Flügen zurück kehrte. Wie schön die Erde aus der Luft anzusehen ist. Oder wie schön es in einem anderen Land ist. Denn Katharina konnte sehr weit fliegen. Doch sie wusste genau, dass sie das alles nie haben konnte, auch wenn sie es sich noch so sehr wünschte.
Aber dafür konnte sie wunderbar träumen und in ihren Träumen machte sie die verrücktesten Sachen. Da konnte sie fliegen und sogar Fahrrad fahren. Doch das war ihr Geheimnis. Sie erzählte es niemandem, denn keiner hätte sie verstanden, sondern nur ausgelacht.
Gerade als Tilda sich wieder auf den Heimweg machen wollte, kam eine Schwalbe angeflogen. Sie flog sehr tief und umkreiste Tilda ein paar Mal. Sie rief: „Hallo Tilda erkennst du mich? Ich bin es, Deine Freundin Katharina.“ „Sicher erkenne ich dich. Du fliegst so fein und so elegant, so kannst nur du fliegen.“ Katharina setzte sich auf einen ausgetrockneten Lehmklumpen der neben Tilda lag. Sie erzählten sich wieder Neuigkeiten, lachten und hatten viel Spaß miteinander. Dann sagte die Schwalbe Katharina ein bißchen traurig, dass sie sich jetzt für längere Zeit verabschieden muss. “Ich mache eine längere Reise.“ „Aber du kommst doch sicher wieder, oder?“, fragte Tilda. „Ja, Ja“, sagte Katharina, „ein bißchen traurig bin ich schon, wenn ich dich so lange nicht sehe.“ „Ich auch!“, sagte Tilda, „doch dafür kann ich mich die ganze Zeit darauf freuen, dass du wieder kommst.“ Tilda pflückte ein winziges Gänseblümchen und schenkte es ihrer Freundin Katharina. Dann flog die Schwalbe mit der kleinen Blume im Schnabel davon. „Ich denke ganz viel an dich und in meinen Träumen fliege ich mit Dir zusammen bis zu den Wolken“, rief Tilda ihrer Freundin nach. Tilda schaute so lange hinterher, bis sie nichts mehr erkennen konnte. Es war schon etwas dämmrig geworden, als Tilda an dem schönen Sonnenblumenfeld von der Abendsonne begleitet nach Hause kroch.

© Mathilde Kilian 1995
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