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Die kleine
Schildkröte Tilda
O Die blaue
Glasscherbe
O Der
Zauberbaum
O
Die
Blumenwiese
O Die
Sonnenblume
O Das
Gewitter
O
  O Das
Kartoffelfeuer
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Das Kartoffelfeuer!
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Am Morgen als Tilda ihren Kopf und ihre Stupsnase in den Wind hielt, roch sie es sofort. Oh, wie hatte sie ihn gern, diesen Geruch.
Jetzt wusste sie, die Tage werden kürzer und sie kann nicht mehr so lange am Abend durch die Wiesen und Wälder kriechen.
Das machte ihr jedoch nichts aus, denn den Herbst liebte sie sehr. Jetzt mußte sie hinaus immer stärker wurde der Duft und der Rauch des Kartoffelfeuers.
Sie holte ihre Lappenpuppe klemmte sie sich zwischen Panzer und rechten Vorderarm und kroch hinaus.
Die Puppe war ihr liebstes Spielzeug. Heute sollte sie einmal wieder mitkommen und nicht immer nur zu Hause bleiben. Sie hatte keinen Namen, sie hieß einfach nur Lappenpuppe, weil sie aus lauter kleinen Stoffresten zusammen genäht war. Oben war ein Stück als Kopf mit einem bunten Faden abgebunden. Die Augen waren mit blauem Garn und der Mund mit rotem Garn eingestickt. Mit gelbem Garn war ein runder Kringel als Nase gestickt. Der Körper war mit Wollresten ausgestopft.
Die Schildkrötenmutter hatte sie für Tilda zusammengenäht. Auf ihre Puppe passte sie besonders gut auf, denn Tilda hatte sie schon einmal irgendwo verloren, aber dann doch wieder gefunden. Deshalb nahm sie ihre Puppe nicht so oft mit nach draußen.
Tilda kroch nun mit ihrer geliebten Lappenpuppe hinaus zu den abgeernteten Kartoffelfeldern.
Leider musste die kleine Schildkröte eine große Straße überqueren. Tilda war sehr vorsichtig und kam sehr gut auf die andere Straßenseite. Nach ein paar Minuten, war sie schon bei den Feldern. An verschiedenen Stellen rauchten und glühten die Kartoffelfeuer. Tilda suchte sich ein kleineres aus denn es konnte sehr heiß werden. Unter dem Kartoffellaub lagen kleine Kartoffeln, die von dem heißen Rauch weich wurden und sehr lecker schmeckten. Einige Freunde von Tilda waren inzwischen auch angekommen, es war wie ein kleines Fest.
Um an die Leckereien heran zu kommen musste sie etwas näher an das Kartoffelfeuer heranrücken, ihr lief schon das Wasser im Mund zusammen. So sehr freute sie sich auf die Kartoffeln.
Die kleine Puppe legte sie sorgfältig zur Seite, damit sie besser an das gute Essen heran konnte. Mit einem kleinen Stock den sie fest zwischen ihren vorderen Pfoten hielt, stocherte sie in dem heißen Laub herum, bis sie eine Kartoffel entdeckt hatte. Um sie herum machten es die anderen Schildkrötenkinder genau so. Alle hatten ihren Spaß und viel Freude dabei. Mit dem Stock schubste sie die weiche Kartoffel aus dem heißen Laub heraus. Langsam begann sie die dunkle Pelle abzuziehen, immer wieder kullerte die heiße Kartoffel ihr aus den Pfoten. Doch dann hatte sie es geschafft.
Wie gutschmeckte es wieder. Es war wunderbar.
Sie schaute sich um und sah viele fröhlich schmatzende Schildkröten. Tilda nahm ihre Puppe wieder vom Boden auf, wollte sie drücken und unter ihren Panzer stecken, doch was war passiert? Die Puppe hatte einen großen Brandfleck auf dem Rücken. Tilda hatte ihre Puppe auf heißes Laub gelegt.
In ihrer großen Freude auf das Kartoffelfeuer hatte sie wieder einmal nicht aufgepaßt und das heiße Laub an dieser Stelle übersehen.
Tilda pustete und klopfte alles Verkohlte von ihrer Puppe ab und drückte sie fest an sich. Sie war sehr traurig und dicke Schildkrötentränen kullerten auf die Erde.
Langsam kroch sie nach Hause mit dem leckeren Duft vom Kartoffelfeuer in ihrer Stupsnase.
Die Schildkrötenmutter nähte sofort einen neuen Stoffrest auf den Brandfleck und schon war nichts mehr von dem kleinen Unglück zu sehen. Ganz fest drückte sie die kleine Puppe an ihren Kopf und ließ sie so schnell nicht mehr los.
Viele große und kleine Schildkröten saßen noch, bis in den späten Abend hinein in fröhlicher Runde um ein großes Kartoffelfeuer. Sie spielten Gitarre und sangen ein ganz besonderes Lied dazu:



Es ruft mich in den Tag,
noch weiß ich nicht, ob er mich mag, mein Tag.
Doch dann sehe ich meine Gitarre,
sie lacht mich an und ruft mir zu.

Spiel mich, spiel mich.
Ich möchte deine Finger spüren,
wenn sie die Saiten sanft berühren,

Spiel mich, spiel mich.
Es ruft mich in den Tag.
Jetzt weiß ich es, dass er mich mag mein Tag.

Spiel mich, spiel mich.
Es ruft mich in den Tag.

© Mathilde Kilian 1995
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