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Die kleine
Schildkröte Tilda
O Die blaue
Glasscherbe
O Der
Zauberbaum
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Die
Blumenwiese
O Die
Sonnenblume
O Das
Gewitter
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  O Das
Kartoffelfeuer
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Die blaue Glasscherbe!
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Es war ein wunderschöner Sommertag.
Nach einer Woche Regen und kaltem Wind waren nun alle Schildkrötenkinder draußen, spielten im Garten oder auf der Straße.
Einige spielten mit bunten Bällen. Andere hatten sich Kästchen auf die Erde gemalt und hüpften darin herum.
Eine große Gruppe spielte mit kleinen Steinmurmeln. Es war schön ihnen zu zuschauen.
Die kleine Schildkröte Tilda hatte sich auf ein großes Rharbarberblatt gelegt, was sie sich aus dem kleinen Garten am Haus geholt hatte. Wenn sie alleine sein wollte versteckte sie sich unter den Rahrbarberblättern. Den Geruch der kühlen Blätter, wie auch die Natur mit den Pflanzen und die vielen Farben, mochte sie sehr. Ihre Arme und Beine streckte sie weit aus, so dass die Sonne sie überall wärmen konnte. Tilda sog und atmete die Sonne kräftig ein. Den Kopf hielt sie so, dass alles, was die anderen Schildkröten machten, gut für sie zu sehen war.
Es war wunderschön alles aus der Ferne zu beobachten.
Auf einmal steckte die Hüpfkästchengruppe die Köpfe zusammen. Sie redeten aufgeregt durcheinander. Dann riefen sie die anderen auch alle herbei. Gertraude, war wieder die Lauteste. Tilda war neugierig geworden. Ihren Kopf streckte sie in Gertraudes Richtung. Da rief Gertraude auch schon:
Tilda, willst du mit, wir wollen zum Holzplatz unten am Fluss. Tilda hatte kaum ja gesagt, weil sie ja immer etwas Zeit brauchte, zog die ganze Herde schon los. Tilda ließ sich nicht gerne aus der Ruhe bringen. Sie hatte es lieber ruhig und gemütlich. Langsam trottete sie hinter den anderen her.
Gertraude rief noch einmal: “Tilda, du lahme Ente, beeile dich, wir warten nicht.“
Manchmal konnte Gertraude ganz schön frech sein, aber Tilda machte sich nicht viel daraus. Sie lachte nur und dachte: wieso lahme Ente?
Ganz alleine zog Tilda, in Gedanken versunken, ihren eigenen, vertrauten Weg. Wenn sie so daher kroch, gab es immer viel zu entdecken. Hatte sie etwas Interessantes gesehen, blieb sie eine Weile sitzen und schaute sich alles in Ruhe an. So auch heute, sie hatte eine blaue Glasscherbe gefunden. Tilda sammelte nämlich Scherben aller Art, Porzellan-, Keramik- und Glasscherben. Sie hatte schon eine schöne Sammlung zusammen.
Die anderen Schildkröten konnte sie gar nicht mehr sehen. Doch das war ihr jetzt egal. Sie kannte ja den Weg zum Holzplatz.
Und so saß sie da und betrachtete ihre blaue Glasscherbe. Es war so ein wunderschönes Blau. So etwas schönes hatte Tilda noch nie gesehen. Es leuchtete einmal hell, einmal dunkel und strahlte wie ein Diamant. Wenn sie die Glasscherbe direkt in die Sonnenstrahlen hielt, musste Tilda den Atem anhalten, so funkelte und glitzerte diese schöne Glasscherbe. Tilda konnte sich nicht satt sehen. Sie fing an zu träumen und fragte sich, wie es wäre, wenn die ganze Welt so eine schöne Farbe hätte.
Das Gras wäre nicht grün, sondern blau.
Oder alles um sie herum würde so schön funkeln wie ihre Glasscherbe. So träumte sie eine ganze Weile. In ihren Gedanken sah sie alles so blau funkeln wie ihre Glasscherbe.
Auf einmal konnte sie ihre schöne blaue Glasscherbe nicht mehr sehen, sie war auf einmal weg.
Darüber erschrak Tilda so sehr, dass sie aus ihren Träumen erwachte. Doch dann sah sie die schöne blaue Glasscherbe zwischen ihren Füßen. Als sie sich von dem Schreck erholt hatte, war ihr erster Gedanke, wenn alles so schön blau leuchten würde, hätte sie die schöne blaue Glasscherbe erst gar nicht entdeckt.
So saß Tilda noch ein bißchen und träumte von schönen Farben. Träumen war für sie das Allerschönste. Dann suchte sie sich ein kräftiges Blatt
und wickelte die Glasscherbe darin ein. Unter ihrem Panzer hatte sie eine kleine Tasche, da steckte sie das Päckchen hinein.
Noch ganz verträumt kroch sie weiter, es dauerte nicht lange da traf sie Hansi, den kleinen Regenwurm.
„Hallo Hansi, wo willst du denn hin?“, fragte Tilda. „Tag Tilda, ich will nur ein kleines bißchen die Sonne genießen nach dem vielen Regen. Den Regen mag ich
zwar gerne, aber ab und zu vertrage ich die Sonne auch ganz gut.“„Ich will zum Holzplatz am Fluss, wenn du mit willst dann klettere auf meinen Rücken, ich nehme Dich gerne mit.“, sagte Tilda. Hansi der kleine Regenwurm freute sich riesig. Er ringelte sich mit Vergnügen auf Tildas Panzer. Dort sonnte er sich wie auf einem Sonnendach.
Auf dem Holzplatz waren viele kleine und große Holzstämme aufeinander gestapelt. Es war ein wunderschöner Spielplatz für Schildkrötenkinder. Da konnten sie klettern, rauf und runter springen oder einfach nur oben sitzen, lachen und schwatzen. Es war schön und aufregend.
Tilda und Hansi waren fast angekommen, sie hörten Lachen und Johlen. Auf einmal war lautes Grollen zu hören, kein Lachen, und kein Johlen mehr. Tilda bekam eine Gänsehaut, was war passiert?
Sie beeilten sich, Hansi war auch schon ganz aufgeregt. Er ringelte sich hin und her. „Was ist los, was ist los?“, fragte er.
Tilda konnte ihn in dem Augenblick auch nicht beruhigen. Auf dem Holzplatz angekommen, sahen sie die Bescherung. Alle Schildkrötenkinder hatten sich mit traurig hängenden Köpfen um Gertraude versammelt.
Sie weinte bitterlich, dicke Schildkrötentränen kullerten auf die Erde. Die Stammpyramide war ins Rutschen gekommen und ein Baumstamm war über Gertraudes Füße gerollt. Sie hatte es nicht rechtzeitig geschafft, die Füße unter ihren Panzer zu stecken. Alle anderen hatten es geschafft. Es tat so weh, dass sie nicht mehr laufen konnte. Die Schildkrötenkinder überlegten wie Gertraude nach Hause kommt. Otto die stärkste von allen sagte: “Ich nehme Gertraude auf meinen Rücken und trage sie nach Hause.“
Traurig machten sich alle auf den Weg.
Hansi verabschiedete sich von Tilda und kroch wieder in schöne feuchte Erde. Für heute hatte er genug Sonne genossen. Es war für Hansi ein schöner aber auch ein aufregender Tag gewesen. Auf dem Weg nach Hause erinnerte sich Tilda wieder an die schöne blaue Glasscherbe.
Sollte sie ihrer Schwester die Glasscherbe schenken, weil sich Gertraude doch so weh getan hatte? Tilda überlegte den ganzen Weg.
Zu Hause erschraken die Schildkröteneltern, als sie sahen, dass Gertraude getragen wurde. Sie legten einen Kräuterverband um Gertraudes Füße. Nun musste sie für ein paar Tage zu Hause bleiben.
Das war sehr schwer für Gertraude, denn sie war eine richtige Zappelschildkröte.
Obwohl Tilda so eine große Scherbensammlung besaß, von ihrer blauen Glasscherbe wollte sie sich dann doch nicht trennen.
Am Abend als alle Schildkrötenkinder schlafen mussten, holte Tilda ihre Scherbensammlung hervor und schenkte ihrer Schwester eine bunte Porzellan- und eine blaugelbe Keramikscherbe, worüber sich Gertraude sehr freute. Die blaue Glasscherbe tat sie zu ihrer Sammlung.
Nach diesem aufregenden Tag schliefen alle nach kurzer Zeit friedlich ein.

© Mathilde Kilian 1995
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